Architekturbeschreibung eines Triumphbogens

Teil 2/2: Glanz der Dauer

Grüner Graben 14, Bekrönung der Attika

Grüner Graben 14, Bekrönung der Attika, Aufn. Verf.
Die Fassade inszeniert diesen Übergang. Als Apparat der Öffnungen betont sie die Weisen des Eingangs wie des Ausgangs - mehr jedoch die des Eingangs - und wird so in einer zweiten, wesentlicheren Bedeutung zum Portal. Weil aber die Außenwelt der Straße (das Reale) der Innenwelt des Schaufensters (des Idealen) gänzlich entgegengesetzt erscheint, ist es die Aufgabe der Schwelle, zwischen beiden Sphären zu vermitteln. Die Schwelle organisiert sich im Portalkörper, dessen Fassade die maßgeblichen Werte baukünstlerisch darstellt. Diese ideellen Gehalte - musisch, heroisch, transzendental - vermögen die Einbildungskraft durch das Portal hindurch zu geleiten.
Nancy, Place Royale

Nancy, Place Royale, 1752-1755, Gouverneurspalast mit Garten und elliptischem Kolonnaden-Vorhof, in Wilfired Koch: Baustilkunde, München 1994, S. 322
Das musische Motiv des Übergangs ist das Oval. Das Mittelalter hat im Bild des Kreises das göttliche Zentrum konzentriert. Aus der beginnenden Neuzeit erwächst eine andere Geisteshaltung. "Es erscheinen zwei Zentralpunkte, zwei Brennpunkte, die der Polarität von Ich und Welt entsprechen, aus denen heraus eine gemeinsame Umform - das Oval, die Ellipse - erzeugt wird." (Quelle) (Abb. 5) Damit ist der Perspektivenwechsel möglich, der mit dem dritten Zirkelpunkt die Umform als übergreifend, d. h. jenseitig zu ertasten vermag.
Triumphbogen am Südende der Piazza

Triumphbogen am Südende der Piazza von Pitigliano, in dem die Wasserleitung endet und der den Blick auf die Gärten rahmt, Zeichnung von Jan Pieper, in Jan Pieper: Ähnlichkeiten, Krefeld 1986, S. 51
Das heroische Motiv des Übergangs sei die Inschrift im Oval, das Meisterzeichen mit den Initialen. In ihr firmiert das Ich, das menschliche Schöpfertum, zu dessen Ehren in Sonderform dieser Triumphbogen errichtet wurde.
Das transzendentale Motiv des Übergangs bildet die Pyramidenkomposition der Bekrönung. Ihre nur angedeutete Spitze gilt seit jeher als der Ort, an dem das Weltliche in das Göttliche umschlägt. Der Klassizismus verwendet dieses Symbol des ewig Bestehenden in allen bildenden Künsten. Wohin aber geht die Reise der Einbildungskraft?
Aigina, Propylon, Vorderansicht

Aigina, Propylon, Vorderansicht, in Werner Müller und Gunther Vogel: dtv-Atlas zur Baukunst, Band 1, München 1994, S. 196
Im zeremoniell-geprägten höfischen Stadtraum des absolutistischen Zeitalters öffnet das Portal den Weg zum Zentrum weltlicher Macht - über einen Vorhof (Abb. 6). Weltliche Macht der anderen Art wird am Beispiel der Piazza von Pitigliano erfahrbar. Jan Pieper schreibt dazu: ".. vor dem Prospekt der Weingärten (steht) ein Triumphbogen - ein architektonisches Ehrenzeichen also vor der domestizierten Natur." (Quelle) (Abb. 7) Belvedere (ital.: Schönblick) heißt der architektonische Begriff für diese Darstellung einer durchgestalteten Welt. Bezeichnet wird ein baulicher Rahmen, der in der Parklandschaft Sichtbeziehungen manifestiert (Abb. 10).
Gartenpavilion aus Gothic Architecture Decorated

Gartenpavilion aus Gothic Architecture Decorated, 1759, in Nikolaus Pevsner: Europäische Architektur, München/New York 1994, S. 314
Weg von der domestizierten und hin zur ursprünglichen, »wilden« Natur führt uns der romantische Geist, der nicht den Blick des Mächtigen hat, sondern die Anschauung des in Sehnsucht Andächtigen. Der Gartenpavillon (Abb. 9) ist der Ausdruck dessen, gleichermaßen Ein- und Ausgang inmitten der ungebändigten Natur, die ebenso nah wie fern ist. Schinkel beschreibt sein Erlebnis im Theater von Taormina, dessen naturbewucherte bauliche Überreste er skizziert hat (Abb. 11), ganz im Banne der romantischen Ruinenästhetik: "Mächtiger als jemals ergriff mich der Eintritt in dies Theater: ich sah vor mir das Proszenium, über ihm und durch seine Öffnungen eine unendliche Ferne." (Quelle)
Belvedere im Liechtensteingarten

Wien/Rossau, sog. Belvedere im Liechtensteingarten, 1689 entworfen von Johann Bernhard Fischer von Erlach, in Erich Hubala: Barock und Rokoko, Stuttgart 1971, S. 32
Der Ausstellungsraum im Grünen Graben 14 stellt sich diesem Gedankengang in Besonderheit dar. Der seitliche, mit dem Symmetrieverlust behaftete Zugang durch die Tür erweitert den Schwellenbereich des Portals, Der Ausstellungsraum als Stätte der Grabeskultur wird selbst zur Schwelle, zum Mittler zwischen Diesseits und Jenseits.
Im Hintergrund der Baulücke stand an der Seite des Hauses Nr. 13 ein graßkroniger Bergahorn gleich einem Symbol des verlorenen Naturraumes (Abb. 1), wie einkomponiert in ein Bühnenbild aus Schinkel'schem Geist.
Vorhang auf!
Taormina, Theater

Taormina, Theater, Zeichnung von Schinkel, in Mario Zadow: Karl Friedrich Schinkel, Berlin 1980, S. 38

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Über den Autor

Roland Föll
Architekt
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Durch Neigung und Interesse verbinden sich auf meinem Berufsweg das sinnenhaft Handgreifliche von Material und Konstruktion mit dem Drang, Gebautes 'wissenschaftlich' zu analysieren. Meine gutachterlichen Stellungnahmen zur Bewertung von Grundstücken sind in der Konsequenz Ergebnis dieser symbiotischen Praxis.
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