Architekturbeschreibung eines TriumphbogensTeil 1/2: Grüner Graben 14
Die Lücke zwischen den Gebäuden Grüner Graben 13 und 15 wird zur Zeit fassadenbündig in der Höhe und Tiefe der Nachbarhäuser bebaut. Der
ehemalige Ausstellungsraum für Bildhauerarbeiten der Firma Daunert mußte dieser Maßnahme weichen. Seine Zierfront ist aber erhalten und ästhetisch
wie funktionell in den Neubau einbezogen. Durch die mittlere Öffnung dieser Front hindurch wird die Passage zu begehen sein, die das künftige
Erdgeschoß teilen wird, um den Weg hinab zum Ponte-Park freizumachen.
Als Architekt des Neuen will ich dem Alten - nicht etwa zum Abschied - ein paar Gedanken antragen.
Kopie der historischen Zeichnung: Straßenansicht und Schnitt, 1893, Planarchiv der Stadt Görlitz,
Bauaufsichtsamt (geom. Demonstrationslinien v. Verf.)
Diese Interpretation entzieht sich der Logik einer bloßen Schlußfolgerung. Sie ist deshalb aber nicht unbegründet und nur insofern beliebig,
als sie die einfühlende Zuwendung nötig hat. Daß Gebautes zuläßt, besser dazu anregt oder gar einlädt, gedeutet und ausgelegt zu werden, sehe ich
als ein Merkmal seiner Qualität an.
Der Bildhauer und Steinmetzmeister Carl Däunert ließ in den Jahren 1893/94 das eingeschossige Bauwerk errichten nebst
Toranlage und Zufahrt zu den im Hof befindlichen Werkstätten.Der Ausstellungsraum zeigte sich zur Straße hin mit einer regelrechten Schauseite, die allein schon eine Ausstellung ist. Sie gibt Zeugnis vom bildstarken Handwerk des Bauherrn. Eingespannt zwischen den aufragenden Brandwänden entwickelt die dem bescheidenen Gehäuse vorgestellte Front trotz der geringen Abmessungen einen eigenständigen, fast monumentalen Charakter.
Wien, Dom St. Stephan, romantisches Türbogenfeld (Tympanon) mit der Darstellung Christi als Weltenrichter,
in Gert-Rainer Grube und Aribert Kutschmar: Bauformen von der Romanik bis zu Gegenwart, Berlin 1986, S. 148 f.
Welcher Art ist diese Vorstellung? Wir sehen ein Gebälk griechisch-dorischer Herkunft, das in symmetrischer Weise über drei Öffnungen liegt.
In die stehenden Seitenteile aus Pseudo-Bossenwerk sind in römischer Bogenquaderung Fenster und Türe eingearbeitet. Sie belassen in der Mitte einen
breit gelagerten Ausschnitt, das Schaufenster, das konstruktiv durch eine gußeiserne Stütze geteilt ist. Die Triglyphen im Gebälk sind Erinnerungen
an vormalige Säulen. Der Architrav entspricht bei genauerer Betrachtung der sog. tuskischen Ordnung: die Ecktriglyphen
befinden sich über der hypothetischen Säulenachse. Die Vasen auf dem Gebälk bilden diese Achse zu einem Gestaltmerkmal aus (Abb. 2). Das
Schaufenster ist eindrucksvoll bekrönt. Der Aufbau zeigt die pyramidale Grundform des Giebeldreiecks (Abb. 2). Die als Blickfang postierte
Kartusche mit Rollwerk (Renaissance) wird beiderseits von Putten (Barock) gehalten, Das ovale Wappen trägt die Initialen des Bauherrn: DC mit dem
Steinmetzzeichen, das in dieser Einfassung zugleich ein Meisterzeichen ist. Voluten formen den Anstieg der Bekrönung.
Die Front der Lückenschließung weist ein viertes Glied auf, das Hoftor rechter Hand, über das der Architrav gleichermaßen hinweggeht. Dennoch
bleibt der Symmetriewille ganz augenfällig auf den Ausstellungsraum bezogen. Die damit betonte Dreigliedrigkeit der Bauform steht in der Tradition
sakraler Gestaltung (Trinität), die seit der Renaissance auch eine Vielzahl weltlicher Prachtbauten beeinflusste. Beispiele dafür finden sich etwa
in der Komposition des dreigliedrigen Mittelrisalits, der wiederum Teil des dreifach betonten Baukörpers ist. Die Frontalansicht des Gebäudes
Grüner Graben 14 realisiert die Bauauffassung der Entstehungszeit. Der Empfehlung des Historismus, ausgewählten Bauaufgaben öffentlichen Ranges
bestimmte historische Stile (Charaktere) zuzuordnen, wird aber auch hier nicht streng gefolgt. Vielmehr finden wir eine Gestaltung vor, die
verschiedene Stilmerkmale zu einem vielschichtigen, bedeutungsvollen Ganzen zusammenfügt. Zunächst möchte man in der großen Form der Bauplastik ein
Selbstzeugnis des Bildhauers Carl Däunert sehen. Dieser Selbstbezug des Künstlers entfaltet in einer ersten Bedeutungsebene, die völlig zutreffend
Fassade (lat. facies - Gesicht) heißt, ein Szenario historischer Verweise:
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ArtikelreiheVerwandte Themen:ImmobilientutorServiceAngeboteÜber den AutorRoland FöllArchitekt
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