Architekturbeschreibung eines Triumphbogens

Teil 1/2: Grüner Graben 14

Grüner Graben 14, Straßenansicht

Grüner Graben 14, Straßenansicht, Februar 1987, Aufn. Verf.
Die Lücke zwischen den Gebäuden Grüner Graben 13 und 15 wird zur Zeit fassadenbündig in der Höhe und Tiefe der Nachbarhäuser bebaut. Der ehemalige Ausstellungsraum für Bildhauerarbeiten der Firma Daunert mußte dieser Maßnahme weichen. Seine Zierfront ist aber erhalten und ästhetisch wie funktionell in den Neubau einbezogen. Durch die mittlere Öffnung dieser Front hindurch wird die Passage zu begehen sein, die das künftige Erdgeschoß teilen wird, um den Weg hinab zum Ponte-Park freizumachen.
Als Architekt des Neuen will ich dem Alten - nicht etwa zum Abschied - ein paar Gedanken antragen.
Kopie der historischen Zeichnung: Straßenansicht und Schnitt

Kopie der historischen Zeichnung: Straßenansicht und Schnitt, 1893, Planarchiv der Stadt Görlitz, Bauaufsichtsamt (geom. Demonstrationslinien v. Verf.)
Diese Interpretation entzieht sich der Logik einer bloßen Schlußfolgerung. Sie ist deshalb aber nicht unbegründet und nur insofern beliebig, als sie die einfühlende Zuwendung nötig hat. Daß Gebautes zuläßt, besser dazu anregt oder gar einlädt, gedeutet und ausgelegt zu werden, sehe ich als ein Merkmal seiner Qualität an.
Der Bildhauer und Steinmetzmeister Carl Däunert ließ in den Jahren 1893/94 das eingeschossige Bauwerk errichten nebst Toranlage und Zufahrt zu den im Hof befindlichen Werkstätten.
Der Ausstellungsraum zeigte sich zur Straße hin mit einer regelrechten Schauseite, die allein schon eine Ausstellung ist. Sie gibt Zeugnis vom bildstarken Handwerk des Bauherrn. Eingespannt zwischen den aufragenden Brandwänden entwickelt die dem bescheidenen Gehäuse vorgestellte Front trotz der geringen Abmessungen einen eigenständigen, fast monumentalen Charakter.
romantisches Türbogenfeld, Wien

Wien, Dom St. Stephan, romantisches Türbogenfeld (Tympanon) mit der Darstellung Christi als Weltenrichter, in Gert-Rainer Grube und Aribert Kutschmar: Bauformen von der Romanik bis zu Gegenwart, Berlin 1986, S. 148 f.
Welcher Art ist diese Vorstellung? Wir sehen ein Gebälk griechisch-dorischer Herkunft, das in symmetrischer Weise über drei Öffnungen liegt. In die stehenden Seitenteile aus Pseudo-Bossenwerk sind in römischer Bogenquaderung Fenster und Türe eingearbeitet. Sie belassen in der Mitte einen breit gelagerten Ausschnitt, das Schaufenster, das konstruktiv durch eine gußeiserne Stütze geteilt ist. Die Triglyphen im Gebälk sind Erinnerungen an vormalige Säulen. Der Architrav entspricht bei genauerer Betrachtung der sog. tuskischen Ordnung: die Ecktriglyphen befinden sich über der hypothetischen Säulenachse. Die Vasen auf dem Gebälk bilden diese Achse zu einem Gestaltmerkmal aus (Abb. 2). Das Schaufenster ist eindrucksvoll bekrönt. Der Aufbau zeigt die pyramidale Grundform des Giebeldreiecks (Abb. 2). Die als Blickfang postierte Kartusche mit Rollwerk (Renaissance) wird beiderseits von Putten (Barock) gehalten, Das ovale Wappen trägt die Initialen des Bauherrn: DC mit dem Steinmetzzeichen, das in dieser Einfassung zugleich ein Meisterzeichen ist. Voluten formen den Anstieg der Bekrönung.
Ebenda

Ebenda, S. 152
Die Front der Lückenschließung weist ein viertes Glied auf, das Hoftor rechter Hand, über das der Architrav gleichermaßen hinweggeht. Dennoch bleibt der Symmetriewille ganz augenfällig auf den Ausstellungsraum bezogen. Die damit betonte Dreigliedrigkeit der Bauform steht in der Tradition sakraler Gestaltung (Trinität), die seit der Renaissance auch eine Vielzahl weltlicher Prachtbauten beeinflusste. Beispiele dafür finden sich etwa in der Komposition des dreigliedrigen Mittelrisalits, der wiederum Teil des dreifach betonten Baukörpers ist. Die Frontalansicht des Gebäudes Grüner Graben 14 realisiert die Bauauffassung der Entstehungszeit. Der Empfehlung des Historismus, ausgewählten Bauaufgaben öffentlichen Ranges bestimmte historische Stile (Charaktere) zuzuordnen, wird aber auch hier nicht streng gefolgt. Vielmehr finden wir eine Gestaltung vor, die verschiedene Stilmerkmale zu einem vielschichtigen, bedeutungsvollen Ganzen zusammenfügt. Zunächst möchte man in der großen Form der Bauplastik ein Selbstzeugnis des Bildhauers Carl Däunert sehen. Dieser Selbstbezug des Künstlers entfaltet in einer ersten Bedeutungsebene, die völlig zutreffend Fassade (lat. facies - Gesicht) heißt, ein Szenario historischer Verweise:
  • musisch in der Weise harmonischer Proportionierung der Bauglieder: Schwingungsverhältnisse musikalischer Intervalle werden auf die Maßverhältnisse übertragen, hier 1:2 der Oktave. Die Putten huldigen dem Schöpfer dieses Kunstwerks, Das ist eine profane Umdeutung der gotischen Kinder-Engel und des Christusbildes im Tympanon des Kirchenbaus (Abb. 3).
  • heroisch im Zitat des Triumphbogens. Doch aus welchem Anlaß? Ist Selbstbestätigung durch Bestätigung der (Bau-) Geschichte ein hinreichendes Motiv für diese Gestaltung?
  • transzendental im sinn(en)trachtigen Verlangen des Betrachters, das die Plakatierung der Stilgeschichte unbefangen überschreiten (lat.: transcendere) will.

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Über den Autor

Roland Föll
Architekt
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Durch Neigung und Interesse verbinden sich auf meinem Berufsweg das sinnenhaft Handgreifliche von Material und Konstruktion mit dem Drang, Gebautes 'wissenschaftlich' zu analysieren. Meine gutachterlichen Stellungnahmen zur Bewertung von Grundstücken sind in der Konsequenz Ergebnis dieser symbiotischen Praxis.
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