Vom Winde verweht - Kommentar zum Fall des Berliner Hauptbahnhofs

Der Laie staunt und der Fachmann wundert sich

Der Laie staunt über die unbändige Kraft der Naturgewalt, die es vermochte, einen tonnenschweren Stahlträger des neuen Berliner Hauptbahnhofs zu einem Vorfall zu machen. Der Laie staunt auch über die nachgereichte, beschwichtigende Information, der durch den Sturm gefallene Träger gehöre nicht zu der gebäude-tragenden Konstruktion, sondern trage nur sich selbst, um der Kubatur eine sinnfällige Struktur zu geben. Das verkleinerte Problem heißt aber: Er trug sich nicht selbst genug.
Der Fachmann wundert sich über die Tatsache, deren bloße Möglichkeit scheinbar nicht im Kalkül war. Stimmt es denn, daß der Statiker (Tragwerksplaner) keine Sicherungsmaßnahmen empfahl oder festschrieb? Sind etwaige Haltepunkte und Verankerungen einem Preisdiktat zum Opfer gefallen? Vergaß der Monteur irgendeinen Bolzen zu setzen oder hat „die Abnahme“ ein Auge zugedrückt? Beides freilich ist nicht glaubwürdig. Eher ging wohl im Ringen, um die möglichst schlanke (Architekt) bzw. absolut notwendige (Ingenieur) Konstruktion das rechte Maß zu Boden.
Der Wind verwehrt allen Beteiligten den Anspruch auf Unfehlbarkeit. Und er zerstört die immer wieder neu aufgezäumte Berechenbarkeit der Welt, die sichtbar zu Fall gebracht wurde. Wir sehen ein Lehrstück mit tragisch endzeitlichem Stimmungswert einer Klimakatastrophe, vom Besonderen zum Allgemeinen wechselnd und umgekehrt:

Plot 1: Kumpanei (Mensch und Gesellschaft)

Die maskierte Einvernahme des Publikums steht zugunsten des Gemeinwohls und die Entlarvung des Schuldigen. In den Hauptrollen spielen das dampfroßschnaubende Profil des Bahnchefs samt Entscheidungsdrang und das singuläre Baukunstwollen des Architekten, welches zur Strecke gebracht ist.

Plot 2: Maschinendenken (Mensch und Technik)

Die vom Wind verwehte Sicherheit des Expertenwissens selbst ist laienhaft. Der Fachmann kennt schon die graduelle Sicherheit, der er sich mit dem Regelwerk der Erfahrung dennoch anvertrauen darf, noch dazu unter der Obhut der kollegialen Kontrolle der Prüfstatiker. Aber die journalistische Kritik hat den beutehungrigen Spürhund schon losgelassen. Der wildert in den anderen Revieren der Ingenieurstätigkeit und wird auch dort schadensfündig!

Plot 3: Himmel und Erde (Mensch und Natur)

Die „höhere Gewalt“, die unsere Akteure zu Handlungszwergen degradiert, sogar entmündigt und aus ihrer Verantwortung entlässt? Dürfen wir Aussenstehende dies, zumindest gedanklich, tolerieren?

Aufklärung

Die Öffentlichkeit erwartet Aufklärung, die über den Einzelfall hinaus das Bauen erhellen kann, als einen Prozess des Zielkonflikts von Einzelinteressen, seien es die des Bauherrn, des Architekten, der Fachingenieure, des Facility- und Projektmanagements, des Bauleiters, des Generalunternehmers und des Unternehmers. Von allen ist aber die Verantwortung an die Versicherungsträger übertragen worden, die nun ihrerseits Antworten verlangen. Nicht alles wird zum öffentlichen Erkennen vorbestimmt sein. Andere Geheimnisse sollen aber nicht schon durch Vergeßlichkeit entstehen.
Bleiben Sie, geneigter Leser, dran. Wir tun es auch.

Artikelinformationen:

spacer spacer

Über den Autor

Roland Föll
Architekt
Paßbild unseres Experten Roland Föll

Durch Neigung und Interesse verbinden sich auf meinem Berufsweg das sinnenhaft Handgreifliche von Material und Konstruktion mit dem Drang, Gebautes 'wissenschaftlich' zu analysieren. Meine gutachterlichen Stellungnahmen zur Bewertung von Grundstücken sind in der Konsequenz Ergebnis dieser symbiotischen Praxis.
mehr über Roland Föll Roland Föll kontaktieren
Übersicht | Kontakt | Schlagworte | Links | Nutzungsbedingungen | Impressum