Rekonstruktion im Geiste der Moderne

Teil 2/3: Leipziger Straße 36 in Görlitz

Grundriß 1.-3. OG, historischer Bestand, Görlitz

Grundriß 1.-3. OG, historischer Bestand, Planarchiv der Stadt Görlitz

1. Die Arbeit am Grundriß

Wie vielfach an anderer Stelle, so war auch hier die Aufgabe gestellt, die im Altbau vorgefundenen Wohnungsgrößen zu reduzieren, d. h., die Wohnungen im Geschoß zugunsten weiterer kleinerer Wohneinheiten zu teilen. Dieser Wohnungsschnitt wird allgemein bestimmt durch die kalkulierte Nachfrage und im weiteren durch die Wohnungsbau-Förderrichtlinien bezüglich der Wohnungsgröße (Zimmeranzahl / Gesamtfläche). Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Zeit nach 1918. Die Wohnungsnot der breiten Bevölkerung wie allgemein forderte eine neue Bauaufgabe, die menschenwürdige und zugleich bezahlbare „Wohnung für das Existenzminimum".
Siegfried Giedion schreibt dazu 1929:
„Wie soll diese Wohnung aussehen? Sie hat in erster Linie in einem Verhältnis zum Einkommen zu stehen. Aber dies sagt noch nichts über ihre Organisierung aus. Das Haus für das Existenzminimum wird nicht geschaffen werden, indem man alle Details einer Villa verniedlicht und in schlechterer Ausführung wiederholt. Das Haus für das Existenzminimum muß zugleich eine neue Wohnform werden. Gerade die Beschränktheit der Mittel und die Beschränktheit des Raumes werden sich als fördernde Faktoren erweisen. Das Haus für das Existenzminimum muß bei geringerem Preis mehr Komfort bieten als die heute übliche bürgerliche Behausung. Das heißt, es muß besser organisiert sein und daher über einen größeren Wohnwert verfügen." (Quelle)
Zu diesem Wohnwert gehört die inzwischen selbstverständliche Trennung der Wohn-, Schlaf- und Hauswirtschaftsteile auch bei kleinen Wohnungen.
Walter Gropius empfahl (1929), die Fenster zu vergrößern und stattdessen an Wohnraum zu sparen. Er propagierte im „Wohnungsbau für das Existenzminimum" den hohen Ausbaustandard kleiner Flächen: Möbel werden eingebaut, Schrank- und Regalelemente zu Wänden gemacht.
Wie geht die Rekonstruktion mit diesen Vorgaben um?
Grundriß 1.-3. OG, Projekt des Umbaus

Grundriß 1.-3. OG, Projekt des Umbaus
Der bezahlbare Wohnraum bleibt auch im Altbau oberste Maxime.
Die Hygiene, klinischer und ästhetischer Leitbegriff der Moderne, ist im strengen Sinne nur annäherungsweise und den Umständen geschuldet der Maßstab des Bauens im Bestand, was die Ausrichtung zur Sonne und die Naturnähe angeht. Immerhin stellt sich gerade auch bei kleinen Flächen und reichlich bemessener Raumhöhe (wegen der Fensterstürze) der Eindruck von Großzügigkeit ein, weil die Fensterflächen einen deutlich höheren Anteil an der Grundfläche haben. Der historische Grundriß der Eckwohnung zeigt im Innern eine dunkle Flurlänge. Der durchlichtete, fließende Raum des Wohnens - ein Ergebnis des freien Grundrisses (Le Corbusier) mit Hilfe der Skelettbauweise - ist hier nicht zu erwarten und auch nicht zu realisieren. Im Ansatz habe ich versucht, über die Raumdiagonale (ein neues, modernes Instrument der Innenraumgestaltung) die äußere mit der inneren Gebäudeecke zu verklammern.

2. Das Maisonette

Innenraum der Maisonette-Wohnung, Krölstraße

Innenraum der Maisonette-Wohnung, Krölstraße
Le Corbusier entwickelte einen Wohnungstyp („Citrohan-Haus"), der durch verschieden hohe Räume charakterisiert ist bzw. durch den zwei Geschosse hohen Raum, „dessen Boden auf derselben Ebene lag wie Küche und Eßbereich und dessen Decke eine Verlängerung der Schlafzimmerdecken im Obergeschoß darstellte. Eine Wendeltreppe verband die Wohnebene mit dem Schlafbereich ..." (Quelle)
Der Entwurf eines Serienhauses für Handwerker (1924) zeigt die Absicht, auf knapper Grundfläche erlebbare Größe herzustellen: Einmal über den Weg der Diagonalen und zum anderen über den zweigeschossigen Atelierraum. Das Maisonette findet als kleines Haus für viele seinen konsequenten Ausdruck im mehrgeschossigen Wohnungsbau, ergänzt durch doppelgeschossige Garten-Loggien. Im Haus Leipziger Straße bot sich die Lage über Eck an, um diese Wohnform als Dachgeschoßwohnung zu konstruieren.

Artikelreihe

Artikelinformationen:

spacer spacer

Über den Autor

Roland Föll
Architekt
Paßbild unseres Experten Roland Föll

Durch Neigung und Interesse verbinden sich auf meinem Berufsweg das sinnenhaft Handgreifliche von Material und Konstruktion mit dem Drang, Gebautes 'wissenschaftlich' zu analysieren. Meine gutachterlichen Stellungnahmen zur Bewertung von Grundstücken sind in der Konsequenz Ergebnis dieser symbiotischen Praxis.
mehr über Roland Föll Roland Föll kontaktieren
Übersicht | Kontakt | Schlagworte | Links | Nutzungsbedingungen | Impressum