Rekonstruktion im Geiste der Moderne

Teil 1/3: Wahrung des historischen Bestands

Mit den folgenden Ausführungen soll der Leser Hilfe erhalten, um den offenbaren Widerspruch im Titel aufzuhellen. Wahrung des historischen Bestands ist die erste Verpflichtung. Das Schreiben ist für mich nun Anlaß für eine Besinnung auf das Handwerk des heutigen Architekten, der bei aller geforderten Einfühlungsgabe immer zuerst Zeitgenosse ist und nicht anders sein kann, ja, nicht anders sein darf, soll das Werk in die Zukunft hineinbestehen.
Außenansicht Leipziger Straße / Krölstraße

Außenansicht Leipziger Straße / Krölstraße
Die Erklärungen möchten zeigen, mit welchem oft unbewußten Handwerkszeug gerade auch meine Arbeit vorankommt im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Bauen im Bestand ist erst seit ungefähr zwei Jahrzehnten ein fachlich respektables Arbeitsfeld für Architekten. Die andersartigen Bedingungen (= Notlagen?) sind disziplinär erkundet und in Ausbildungsgänge für Studenten und Handwerker eingearbeitet. Unter dem Titel Umnutzung wurden insbesondere solche Ergebnisse betrachtet, die - abseits der routinierten Neubauschemata - am Objekt gewonnene Erfindungen des Raumästhetischen vorstellten. Ich erinnere an die Art und Weise, wie Ricardo Bofill sein Architekturbüro in aufgegebenen Silos einrichtete. Ein Beispiel, das uns unmittelbar in das Werden der sogenannten Moderne einführt. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges gingen bekanntlich nicht nur Kaiserreiche unter, sondern auch maßgebliche Bautraditionen. Dies zumindest im Bewußtsein einer Avantgarde von Gestaltern, die nach 1918 ihre vordem in Zirkeln diskutierten Programme des Neuen in eine Aufbruchsstimmung einbrachte. Nicht die Zeugnisse der Baugeschichte, sondern die bis dahin nur peripher bearbeiteten Ingenieurleistungen gerieten zu Lehrbeispielen für Form gewordene Funktionalität.

Fabriken, Warenhäuser, Speicher - Ozeandampfer, Flugzeuge, Autos.

Das vor allem von deutschen Architekten formulierte sog. Neue Bauen verband die Kritik an den krankmachenden Wohnverhältnissen der Vorkriegszeit (Stichwort Mietskaserne) mit den Forderungen nach Naturnähe, Licht, Luft und Sonne. Was hat das alles mit dem Titel zu tun? Ich will dies im folgenden 2. Teil am Beispiel des Hauses Leipziger Straße 36 in Görlitz an vier Aspekten dieser Rekonstruktion erläutern.

Artikelreihe

Artikelinformationen:

spacer spacer

Über den Autor

Roland Föll
Architekt
Paßbild unseres Experten Roland Föll

Durch Neigung und Interesse verbinden sich auf meinem Berufsweg das sinnenhaft Handgreifliche von Material und Konstruktion mit dem Drang, Gebautes 'wissenschaftlich' zu analysieren. Meine gutachterlichen Stellungnahmen zur Bewertung von Grundstücken sind in der Konsequenz Ergebnis dieser symbiotischen Praxis.
mehr über Roland Föll Roland Föll kontaktieren
Übersicht | Kontakt | Schlagworte | Links | Nutzungsbedingungen | Impressum