Musterhäuser für die Pflege

Vieles von dem, was Axel Gutzeit über den Bau von Pflegeanlagen und Heimen für Demenzkranke erzählen kann, ist inzwischen allgemein bekannt. Kaum bekannt ist aber, daß Axel Gutzeit mit seiner Firma Goodtime Development dieses Wissen mit erarbeitet und als einer der ersten Architekten und Projektentwickler in Deutschland in die Praxis umgesetzt hat. Und die Pläne, die in Gutzeits Schublade liegen, lassen erahnen, daß er auch mit seinen künftigen Projekten die Pflegeheim-Architektur in Deutschland voranbringen könnte.
Entwurf Theaterstraße Obergeschoss
Entwurf Theaterstraße Obergeschoss

Futuristisch: Gutzeits Entwurf für ein Pflegeheim im Berliner Norden gleicht einer lang gestreckten Ellipse. Diese Form spart Platz und senkt Kosten: Es müssen weniger Quadratmeter pro Bett verbaut werden.

Mitte der 90er Jahre

Mitte der 90er Jahre veranlaßte ein persönliches Erlebnis den Berliner Architekten, Überlegungen über eine neue Konzeption von Heimen für Demenzkranke anzustellen. Eine Studienkollegin seiner Tochter hatte ihm von ihrem Vater erzählt: ein gestandener Mann, Oberstudienrat, ehemaliger Fallschirmjäger, der im Alter von einer Demenz befallen wurde, die ihn selbst in Hilflosigkeit und seine Familie oft in Verzweiflung stürzte. Über ein Jahr lang traf Gutzeit sich regelmäßig mit den Angehörigen dieses Mannes, ließ sich über die Schwierigkeiten des Alltags berichten und über die kleinen Kniffe, mit deren Hilfe die Familie ihre Situation zu erleichtern suchte. So hatte sie etwa ein Gitter in die Tür des Patienten gesetzt, das er nicht übersteigen konnte, das ihn aber weiter am Familienleben teilnehmen ließ: Das senkte seine Aggressivität.
Aus diesen Erzählungen ist vieles in Gutzeits Bauten eingeflossen. 1995 eröffnete im brandenburgischen Fredersdorf ein neues Pflegeheim den Betrieb, später errichtete der Architekt in unmittelbarer Nachbarschaft ein Heim ausschließlich für Demenzkranke, das eine gewisse Berühmtheit erlangen sollte: Hier verbrachte Harald Juhnke zwei Jahre seines letzten Lebensabschnitts.
Obergeschoss Pflegeheim Fredersdorf
Obergeschoss Pflegeheim Fredersdorf

Wohnlich: Ein Pflegeheim für Demenzkranke im brandenburgischen Fredersdorf. Die Patienten sind in kleinen Wohngruppen untergebracht. So werden sie schneller mit ihrer Umgebung vertraut.

Das Haus

Dieses Haus war für 122 Patienten ausgelegt und damit – nach Gutzeits Erinnerung – zum damaligen Zeitpunkt das größte seiner Art in Deutschland. Dennoch ermöglichte es den Patienten ein Leben in so großer Selbstbestimmung und Würde, wie es ihre Krankheit eben zuließ. In diesem Haus sind die Patienten in Wohngruppen untergebracht, abgeschlossenen Einheiten innerhalb des Hauses, deren Grundfläche überschaubar ist. Die Bewohner werden so schnell mit ihrer Umgebung vertraut, lernen ihre Zimmernachbarn kennen, können sich mit ihnen anfreunden.
Eine entscheidende Neuerung: Innerhalb der einzelnen Wohngruppen legte Gutzeit so genannte Rundläufe an. Wenn ein Patient, dessen Orienterungssinn beeinträchtigt ist, sein Zimmer verläßt, kann er sich nicht im Haus verirren. Die Gänge verlaufen kreisförmig, wer losläuft und Schritt vor Schritt setzt, gelangt nach kurzer Zeit wieder zurück an den Ausgangspunkt. Das erleichtert die Arbeit des Pflegepersonals: Es muß nicht ständig fürchten, ein verwirrter Patient könne auf Abwege geraten, gar das Haus verlassen. Und es steigert, so Gutzeit, die Lebensqualität der Bewohner: „Jeder neue Sinneseindruck jagt den Patienten einen Schrecken ein. Der Rundlauf beschränkt ihre Wahrnehmung auf vertraute Eindrücke, ohne ihrem Bewegungsdrang eine Grenze zu setzen.“ So könne die Architektur zur Beruhigung der Patienten beitragen und damit eine Aufgabe übernehmen, die früher oft den Medikamenten überlassen wurde.

Archtitekturkonzept

Pflegeanlage im brandenburgischen Fredersdorf

Freundlich: Die Pflegeanlage im brandenburgischen Fredersdorf liegt mitten im Grünen.
Dieses Architekturkonzept ist inzwischen anerkannt und weithin verbreitet: Die Pflegeheime von Marseille etwa weisen ebenfalls Rundläufe auf. Gutzeit hatte es damals mit Hilfe mehrerer Experten erstellt. Er zog den Ärztlichen Direktor einer geriatrischen Klinik zu Rate, außerdem einen Alzheimer-Experten und eine erfahrene Krankenschwester. Mit Hilfe dieser Fachleute entwickelte der Architekt Detaillösungen, die die geistige Tätigkeit der Patienten anregen können.
Während auf den Fluren des Heims nichts die Bewohner verstören sollte – die Böden durften keine Fugen, die Beläge keine Muster aufweisen –, sprach ein Duftgarten im Außenbereich die Sinne an. Die Wege in diesem Garten wurden mit verschiedenen Belägen ausgelegt: Borke, Kies, Holz, Stein. In den Trakten der Wohngruppen richtete der Architekt kleine Gemeinschaftsküchen ein, in denen die Patienten selbst kochen konnten. „Als dort einmal Grießbrei mit Zimt zubereitet wurde“, erinnert sich Gutzeit, „trat plötzlich eine Patientin ein, schnupperte und fragte: ‚Ist heute Weihnachten?‘ Diese Frau hatte zuvor monatelang nicht gesprochen.“

Ein Fehler

Sächsische Wintergärten

Sonnig: Die meisten Zimmer des Heims in Berlin-Wilmersdorf sind mit Balkons ausgestattet.
Einen Fehler hat der Architekt in Fredersdorf allerdings begangen: Das Heim ist so angelegt, daß nahezu jede Wohngruppe von einer eigenen Pflegeperson betreut werden muß. Die Kleeblatt-artige Anordnung der Gebäudeteile erlaubt keinen zentralen Überblick, und das erhöht die Personalkosten.
Diesen Fehler hat Gutzeit später vermieden. Das Pflegeheim Katharinenhof in Berlin-Wilmersdorf gleicht auf dem Grundriß einem gleichschenkligen Dreieck. Die Schwestern sind in der Mitte untergebracht und haben die gesamte Etage im Blick. Der Gang vor den Patientenzimmern greift die Dreiecksform auf: Auch hier können demente Patienten ihrem Bewegungsdrang folgen, ohne auf Abwege zu geraten. Das Haus ist für gut situierte Privatzahler gedacht, und dafür ist es ideal platziert: Angehörige, die in den wohlhabenden Vierteln Grunewald oder Zehlendorf wohnen und in Berlins Mitte arbeiten, können auf dem Weg zur oder von der Arbeit ihrem Vater oder ihrer Mutter einen Besuch abstatten. Das Heim sei, versichert Gutzeit, „bis auf den letzten Platz ausgebucht.“

Noch futuristischer

Obergeschoss Parkklinik Weißensee

Praktisch: Entwurf für ein Heim auf dem Gelände der Park-Klinik in Berlin-Weißensee. Der Rundlauf ist klar zu erkennen. Der diagonal verlaufende Gang verkürzt die Laufwege des Personals.
Noch futuristischer mutet der Entwurf eines Heims im Berliner Norden an. Das Haus wird, wenn es denn errichtet wird, einer lang gestreckten Ellipse gleichen. Diese Form sorge für niedrige Baukosten, sagt der Architekt. „Die Rechnung lautet: Wieviele Quadratmeter Nettofläche müssen pro Bett verbaut werden? Normalerweise sind es 45 bis 50. Bei diesem Heim aber kommen wir mit 42 Quadratmetern aus.“ Grob geschätzt reduziere die elliptische Form die Baukosten um 300.000 Euro. Zudem senke jeder eingesparte Quadratmeter die Bewirtschaftungskosten.
Trotz dieser geldwerten Vorteile erlaubt es der Entwurf dem Betreiber, das Haus an seine Bedürfnisse anzupassen. So könnten die Einzelzimmer ohne großen Aufwand in Doppelzimmer umgewandelt werden, etwa um Ehepaare zu beherbergen. Die Personalräume sind in der Mitte untergebracht, ebenso das Pflegebad und die logistischen Einrichtungen wie Wäsche-Sammelraum, Aufzüge und Fäkalienspüle.

Erwähnt sei noch

Erwähnt sei noch ein Entwurf für das Gelände der Park-Klinik in Berlin-Weißensee. Auch dieses Heim war ausschließlich für Demenzkranke gedacht. Der Plan sah zwei einzelne Häuser vor, die lediglich im Erdgeschoß miteinander verbunden waren. In jedem der Häuser war selbstverständlich ein Rundlauf vorgesehen. Ein so einfaches wie einleuchtendes Detail: Für jede Etage war ein Gang eingeplant, der das Gebäude diagonal durchqueren sollte. Ohne diesen Gang hätte das Personal für jede Handreichung den gesamten Rundlauf absolvieren müssen.
Die Vorbereitungen für die Errichtung waren schon weit gediehen. Doch dann starb im vorigen Jahr der Ärztliche Direktor der Klinik, und seitdem liegen die Pläne auf Eis. Ad acta legen möchte Gutzeit die Pläne dennoch nicht: „Eines Tages werde ich dieses Heim bauen.“

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Über den Experten

Axel Gutzeit
Architekt
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